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Wer heute auf die 1990er-Jahre zurückblickt, tappt schnell in die Nostalgiefalle. Doch zwischen dem Mauerfall 1989/90 und den Anschlägen vom 11. September 2001 liegt ein Jahrzehnt, dessen „Greatness“ uns in den 25 Jahren seither spürbar abhandengekommen ist, besonders den USA. Damals wurde vom amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama voreilig das „Ende der Geschichte“ ausgerufen – in Wahrheit war es bloß ein kurzes Kapitel am Übergang vom Analogen ins Digitale und in eine neue Weltordnung.

Rückblickend wird vieles sentimental weichgezeichnet, dabei waren diese 10 Jahre durchaus „shaky“. Als ich bei einem freiwilligen Schulausflug nach New York, es muss 1996 oder 1997 gewesen sein, noch im World Trade Center eine Führung bekomme, ist New York erst auf dem Weg zu einer halbwegs sicheren Großstadt – das Einschussloch im Fenster des Hotelzimmers ist mein Zeuge. Die obligatorischen Fotos mit den Piloten im Flugzeug-Cockpit und das entspannte Rauchen am Flugzeugtresen sind Artefakte einer vergangenen Zeit. Doch die Weltpolitik dreht noch einmal kurz das Licht auf. “It´s the economy, stupid!”, sagt damals James Carville, der Chefstratege des US-Präsidenten Bill Clinton. Denn die Wirtschaft floriert und das Leben ist gut. Clinton lacht mit dem sichtlich betrunkenen Boris Jelzin, spielt Saxophon im Fernsehen und mit Monica Lewinsky im Oval Office, bevor die ersten Al-Kaida-Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania ihre dunklen Schatten vorauswerfen.

Kulturell liefern NBC und Warner Bros. mit „Friends“ das letzte große analoge Lagerfeuer, in dem man noch stundenlang ohne Smartphone auf der Kaffeehaus-Couch mit Rachel, Monica, Phoebe, Joey, Ross und Chandler Bing abhängt. Chuck Klosterman bringt dieses Lebensgefühl in seinem Buch „The Nineties“ treffend auf den Punkt: „Keine Story ging viral. Kein Promi trendete. Man musste keine Meinung haben, und es war jedem egal, ob man eine hatte oder nicht..“ Und Geld war nicht “alles”. Musikalisch bleibt Grunge mit dem “neuen Jesus” Kurt Cobain & Nirvana ein kurzer Lichtblick. Ein Wimpernschlag in der Geschichte, in dem Underground-Rock, Punk und Metal mithilfe von MTV plötzlich Mainstream werden – ganz im Gegensatz zum Hip-Hop, der sich dauerhaft an der Spitze gehalten hat. Gleichzeitig rückt die Welt spürbar zusammen: Grenzen verschwinden, das Ozonloch wird erfolgreich bekämpft, von Wien (Menschenrechte) über Rio (Nachhaltigkeit) und Beijing (Frauenrechte) bis Kyoto (Klima) gibt es die berechtigte Hoffnung, die großen Probleme tatsächlich gemeinsam lösen zu können. Wie die österreichische Journalistin Corinna Milborn vor Kurzem treffend in einem Posting festhielt: „Es war nicht alles gut, bei Weitem nicht – aber es gab globale Bewegungen und Bestrebungen, alles besser zu machen, und berechtigte Hoffnung, dass das gelingen kann.“

Heute wirkt im Vergleich dazu vieles fragiler und nervöser. Zwischen geopolitischen Verwerfungen, Polarisierung und einem digitalen Dauerfeuer aus Empörung ist uns vor allem die Gelassenheit abhandengekommen. Dabei verstellt dieser permanente Krisenmodus den Blick auf die harten Fakten – denn global gesehen stehen wir heute massiv besser da: Seit 1990 ist der Anteil der Menschen in extremer Armut laut Weltbank & UNO von knapp 38 Prozent auf unter 9 Prozent eingebrochen, die weltweite Kindersterblichkeit ist um 60 Prozent gesunken, die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 64 auf über 73 Jahre geklettert und der Anteil der erwachsenen Analphabeten hat sich von damals 25 Prozent auf heute rund 13 Prozent fast halbiert. Dazu kommt, dass der große Wirtschaftszyklus der 90er-Jahre sichtlich am Ende ist: Die Ära der Globalisierung bröckelt an allen Ecken & Enden, aber genau dieser Umbruch macht Mut. Nach Jahrzehnten der Entgrenzung beginnt jetzt wieder die Zeit der kleineren, verlässlichen Netzwerke – im Wirtschaften genauso wie im Sozialen, wo geschützte Communities die lauten Massenplattformen ablösen. Deshalb lohnt sich der Blick zurück ohne verklärte Wehmut: Man würde die jüngere Generation zwar gerne kurz in die 90er mitnehmen, um ihr eine Welt ohne Dauerpanik zu zeigen. Schließlich sind wir auch heute nicht allen Krisen zwingend ausgeliefert. Wenn wir die Rückkehr zum Regionalen & Überschaubaren mit dem pragmatischen Optimismus der 1990er-Jahre verbinden, liegt das beste Kapitel erst noch vor uns.

© Reisig & Taylor/NBCUniversal

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