#11 Dog takes over control

Im Laufe des Lebens zerbrechen langjährige Freundschaften. Das ist schade, aber manchmal ist es auch einfach besser so. Schuld daran sind vermutlich der innere Schweinehund, ein Hundeleben und im Sommer kommen auch noch die Hundstage dazu – wer weiß das schon genau? Vergleicht man jedoch die Beziehung zwischen Menschen untereinander mit jener zwischen Mensch und Hund, zeigt sich: Die Verbindung zum Vierbeiner übersteht fast jede Krise. Der Hund ist quasi der bessere Lebensmensch oder zumindest “A Good Friend”, wie es in dem legendären, von Kathy Sampson gesungenen Titelsong von “Kommissar Rex” heißt. Im Zuge der Neuauflage der Serie zeigt der ORF derzeit zur Mittagszeit bzw. auf ORF ON die als Kult-Serie beworbenen Originalfolgen von “Kommissar Rex” aus den 1990er-Jahren. Und für mich gibt es schlicht nichts Besseres als die ersten beiden Staffeln in der Originalbesetzung. Es bereitet große Freude, Tobias Moretti als Richard “Richie” Moser, Karl Markovics als Ernst “Stocki” Stockinger, Wolf Bachofner als Peter Höllerer und Schäferhund Reginald von Ravenhorst als Rex im Fernsehen zu sehen. Nicht zu vergessen den bereits verstorbenen Gerhard Zemann als Gerichtsmediziner Dr. Leo Graf und die Schauspiellegende Fritz Muliar als treuen Freund Mosers. Genial geschrieben von Peter Hajek und Peter Moser, perfekt besetzt von Markus Schleinzer (dessen Film “Rose“ gerade im Kino läuft) und musikalisch untermalt von einem unverwechselbaren Score – hier passt einfach alles zusammen. Das gilt selbst dann, wenn man nur bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler in ihren jungen Jahren bewundern möchte. Harte Verbrechen und die investigative Verbrecherjagd mit Hund stehen im Vordergrund. So rast Richie Moser mit seinem Alfa Romeo 155 und Blaulicht durch das damals noch graue Wien. Die Serie schreckt vor unangenehmem Realismus keineswegs zurück: Es wird nicht lange gefackelt, schon einmal die Kehle durchgeschnitten, tote Kinder werden ebenso gezeigt wie nackte Brüste und männliche Genitalien. Kriminalinspektor Richard Moser wird im Laufe der Serie nicht nur einmal angeschossen. Trotzdem wird noch ungezwungen Sekt getrunken und die geliebte Wurstsemmel verspeist. Überraschend präsent ist auch der Wiener Dialekt, trotz der Koproduktion mit SAT.1 und deutschen Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel, für den die Serie als wichtiges Karrieresprungbrett dient. Das gibt es in dieser Form nur mehr selten. Über Tobias Moretti kann man mittlerweile denken, was man will – er gehört zweifellos zu den besten Schauspielern des Landes. Die Unschuld der frühen Rex-Jahre verliert sich über die Dekaden vielleicht etwas viel im Zuge von Ruhm und Geld. Dagegen wirkt Karl Markovics noch immer unschuldig. Als Ernst Stockinger porträtiert er einen eher konservativen Kirchgänger mit dem bereits aussterbenden Stadt-Jägerhut, der früher auch von den alten Damen der Stadt Wien getragen wurde. Stets besorgt um Freund & Chef Richie Moser und anfangs noch herrlich fremdelnd mit Rex, ist für Karl Markovics nach zwei Staffeln Schluss. Mit der Serie “Stockinger“ bekommt er jedoch für eine Staffel eine eigene Spin-off-Serie im Salzkammergut verpasst. Unvergessen bleibt ein Filmwitz, erzählt von Markovics im Rahmen einer Preisverleihung: „Zwei Ziegen brechen in ein Kino ein und fressen dort die herumliegenden Filmrollen auf. Sagt die eine Ziege zur anderen: ‚Und, wie war’s?‘ – ‚Na ja, das Drehbuch war besser!‘“ Wolf Bachofner, der als “Höllerer” dem Franchise länger erhalten bleibt als Moretti und Markovics, startet später gemeinsam mit Ursula Strauss in der Serie “Schnell ermittelt“ im Fernsehen noch einmal als “Franitschek” voll durch und hat auch in der neuen Ausgabe von “Kommissar Rex“ einen kurzen Cameo-Auftritt. Die neu aufgelegte Serie kann im Vergleich zum Original aus den 90ern aber in keiner Weise mithalten. Zumindest spielt sie nach Ausflügen nach Italien wieder in Wien und besticht durch schöne Stadtaufnahmen. Inhaltlich bleibt es jedoch schwierig: Es muss scheinbar jede Quote erfüllt werden, es fehlt einfach die Liebe fürs Detail und die Coolness der alten Tage. Die Frage nach dem Fortschritt unserer Zeit geht eben oft mit spürbaren Rückschritten Hand in Hand. Das kann man allerdings generell von der derzeitigen Serien- und Filmlandschaft behaupten, die spürbar in der Bredouille steckt. Quantität ist eben nicht gleich Qualität. War früher also alles besser – sogar die Zukunft? Ganz so schlimm ist es nicht. Wenn der eigene innere Schweinehund zum besten Freund wird und auf der Couch die Kontrolle übernimmt, dann tut diese Zeitreise ohne weichgezeichneten Filter und komplizierten Beziehungsballast einfach gut. Es läuft eben genau wie in der Serie: Wenn der Mensch scheitert, übernimmt der Hund und löst den Fall. Zumindest im Fernsehen.

© IMAGO – Tobias Moretti, Reginald von Ravenhorst und Karl Markovics